Es ist schon merkwürdig wie das Leben sich über die Jahre hinweg entwickelt. Alles hat sich verändert, wir haben uns verändert. An manchen Tagen kann ich es gar nicht fassen, was für ein Mensch aus mir geworden ist. Lasst und gemeinsam auf eine kurze Zeitreise gehen und durch mein bisheriges Leben schlendern. Ich weiß nicht warum, aber immer wenn ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit begebe, dann fühle ich eine gewisse Last auf meinem Herzen; Wehmut unbekannter Art.
Als Kind sieht man das Leben mit anderen, unschuldigen, Augen. Man will die Welt kennenlernen und sie berühren. Der Drang nach Wissen und Erfahrungen ist unersättlich. So war es natürlich auch bei mir. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Man kannte damals alle Anwohner in der Straße, alle Kinder, alle Eltern. Man glaubte zu wissen was in den Leuten vorgegangen ist. Eigentlich interessierte es einen als Kind nicht wirklich was in den Menschen vorging, solange sie das Herz an der rechten Stelle hatten und sie mir Süßigkeiten gaben.
Vor 25 Jahren gab es in der Urselstraße noch ein riesiges freies Areal. Wir nannten es Wessels. Es war ein großes wild überwuchertes Grundstück, direkt an unserem Spielplatz. Es gab Apfelbäume, Tannen, einen Tümpel und jede Menge Abenteuer zu bestehen - es war das Paradies auf Erden. Mir Carsten, Franka und den anderen Kindern spielte wir immer auf diesem alten Grundstück. Wir erlebten dort unsere größten Abenteuer. Ende der 80er begann man dieses Gebiet dann als Wohngebiet zu erschließen. Wir verloren zwar unseren Naturspielplatz, aber gewannen neue Freunde. Neue beste Freunde wie Dennis, André und Björn. Einige dieser Freundschaften halten noch heute.
Als wir noch Kinder waren, haben wir immer im Hotel meines Freundes Carsten gespielt und heimlich Cola getrunken. Wir haben uns rein geschlichen und dann verstecken gespielt, wenn noch niemand dort war. Seitdem ich denken kann gehörte das Hotel Goldenstedt der Familie Dietrich. 30 Jahre später hat sich auch dies geändert. Das bedauere ich.
Die Konturen meiner Kindheitserinnerungen sind immer etwas verschwommen. Ich erinnere mich an lange Sommer und wunderbare Winter. Ich weiß noch wie Franka, Mädchen mit langen blonden Haaren, sich irgendwann einen Igel schneiden ließ. Alle haben sie ausgelacht, ich auch. Wir haben André den Spitznamen Bratpfanne gegeben. (Er hatte immer eine sehr markante Kopfform) In der Schule hat mich ein Junge immer Wasserkopf genannt. Er war der Meinung mein Kopf wäre für meinen Körper zu groß. Ich mochte ihn nicht sehr.
Wir hatten einen Nachbarsjungen bei uns in der Straße den wir immer zum Spielen abgeholt haben, nur um ihn zu verprügeln. Darauf bin ich nun wirklich nicht stolz. Die Rechnung dafür hab ich Jahre später bekommen. Sowas rächt sich nämlich früher oder später immer.
Dieser Absatz muss hier unbedingt rein. In der Grundschule hatte ich eine Lehrerin namens Frau Gärtner. Sie war die tollste Lehrerin von allen. Danke dafür.
In der Orientierungsstufe war ich das erste Mal verliebt. Sie hieß Janine Kräuter und war einen Kopf größer als ich. Ich glaube sie ist heute immer noch einen Kopf größer als ich. Na ja... es hat nicht gehalten. Immerhin waren wir ein ganzes Schuljahr zusammen und haben uns sogar einmal geküsst.
Irgendwann kam ich dann auf die Realschule. Dafür mussten meine Eltern schon kämpfen. Ich kam wieder mit Carsten Dietrich in eine Klasse und mit Thomas Wagner - meinem neuem besten Freund. Mein unschuldiges Weltbild zerbröckelte allmählich. Die Realschule in der Königsberger Straße war für mich der Ort an dem ich das erste Mal auf die Welt dort draußen stieß. Jungs drohten mir ständig Prügel an. Die Jugendlichen nahmen Drogen, man trank das erste Mal Alkohol. Ich fing an zu rauchen, um meinem Schwarm Nina Lindstedt zu imponieren. Bei der ich übrigens nie gelandet bin; durfte aber eine Weile ihr bester Freund sein. (Das wünscht man sich als pubertierender vierzehnjähriger) Nichts für ungut Nina. ;)
Jetzt wo ich so drüber nachdenke, erschließt sich mir, dass es sich in der Realschule nur noch um Mädchen gedreht hat. Da ich niemals irgendwelchen Mannschaftssport gemacht habe; doch, gekegelt hab mal, blieb mir ja nichts anderes übrig als mich auf Mädchen zu konzentrieren.
Mein einziges ernsthaftes Hobby war/ist das Rollenspiel (Pen&Paper). Das hab ich damals mit meinen Freunden, Tag ein, Tag aus, gespielt. Es war so etwas wie meine Passion.
Zurückliegend kann ich sagen, dass die Realschule mich aufs Leben vorbereitet hat. Was für Dramen sich da manchmal abgespielt haben. Dort lernte ich dann auch irgendwann meine erste feste Freundin kennen - Ester Blasczyk. Hat natürlich nicht gehalten. Wir wurden langsam Erwachsen und gingen getrennte Wege.
Neben der Jugend ist der anstrengendste Teil des Erwachsenwerdens die frühen Zwanziger. Das Abnabeln vom elterlichen Nest. Die Suche nach seinem eigenen Weg. Der letzte Verlust der Unschuld. Die Suche nach den eigenen Abgründen. Freunde kommen und gingen.
Neue Geheimnisse wurden geboren. Geheimnisse die man besser für sich behält. Mit Anfang zwanzig fühlte ich mich zwar frei, aber auch verloren. Man lernte auf eigenen Beinen zu stehen, sehnte sich aber auch nach Führung und Anleitung.
Ich kann nicht sagen, wie andere Menschen diese Zeit empfanden, aber ich empfand die Zwanziger als sehr anstrengend. Man wollte sich ständig beweisen. Man wollte immer weiter. Es gab keine Grenzen mehr. Ruhe kehrte erst in mein Leben zurück als ich eine unglaubliche Frau kennenlernte. Wir brauchten ein ganzes Jahr um einander anzusprechen. Und dann hab ich es auch noch beinahe vermasselt. Zum Glück ist Melanie nicht so nachtragend.
Melanie veränderte mein Leben; sie veränderte mich. Das ist mir allerdings erst später klar geworden. Wir hatten turbulente Zeiten und haben oft viele Bauchentscheidungen getroffen. Nicht alle Entscheidungen waren gut, aber trotzdem stand sie immer zu mir. Dafür liebe ich sie.
Im September 2008 haben Melanie und ich nach 5 Jahren Probezeit geheiratet. Wir haben noch so viel vor, aber die Zeit läuft uns davon. Ich bin jetzt 30 und ich muss mindestens noch einen Baum pflanzen, ein Haus Bauen und 3 Kinder in die Welt setzen. Das wird anstrengend. Außerdem hab ich mittlerweile so viele Ideen wie ich mein Leben gestalten sollte, aber die Zeit ist so knapp.
Wenn ich über mein Leben nachdenke, dann weiß ich, dass ich nicht immer kluge Entscheidungen getroffen habe und mir meine Emotionen oft im Weg gestanden haben. Aber ich wäre kein Mensch, wenn es anders wäre. Als ich vor einer Weile durch meine alte Straße spaziert bin, hab ich erkannt, dass die Zeit alles verändert. Meine Nichten und mein Neffe spielen nun auf dem Spielplatz auf dem ich vor 25 Jahren spielte. Meine Freunde von früher haben nun Kinder und ich bereits einige Namen von meinem Klassenkameraden aus der Grundschule vergessen. Als Kind will man schnell groß werden, als Jugendlicher schnell volljährig und dann... dann will man ein gutes Leben führen. Aber man scheint nie zufrieden zu sein. Unser Leben dauert nur einen Wimpernschlag. Mit jedem Tag vergeht die Zeit schneller.
Das Stundenglas des Lebens läuft unaufhaltsam weiter. Ich kann immer noch nicht sagen, worauf ich zurückblicken werde. Weißt du es?


